„Wir müssen am Mindset arbeiten, nicht an Gimmicks für Mitarbeitende“
Rüdiger Maaß, Geschäftsführer des Fachverbands Medienproduktion, im Gespräch mit Sabine Goemann (IGEPA group) über erfolgreiche Markenführung in der grafischen Industrie, die Kraft von Netzwerken und warum Mitarbeitergewinnung nur mit E-Bikes und Homeoffice-Angeboten nicht funktioniert.

Published: 20.8.2026 | Photo: PDC - Messe Düsseldorf / Constanze Tillmann. Video: Victor Beusch
Rüdiger Maaß gehört zusammen mit der Messe Düsseldorf zu den Veranstaltern der PRINT DIGITAL CONVENTION, die 2026 mit über 1700 Registrierten den größten Erfolg seit ihrer Gründung hatte. Damit ist die PDC zu einem der wichtigsten Vernetzungs-Events für eine dynamische Generation von Druckern geworden – und für deren Kunden.
Markenführung – ist das für einen Verband Kür oder Pflicht?
Für mich ist es eine Pflicht, weil es meine Passion ist. Aber für viele ist es halt Kür. Und jetzt versuchen wir, den Turnaround zu schaffen, dass es für die anderen auch Pflicht ist.
Bei Markenbildung geht es ja sowohl um Kunden als auch um Mitarbeitende. Wie siehst du das Verhältnis?
Erst mal geht es natürlich darum, im eigenen Haus zu arbeiten, die eigenen Mitarbeiter mit ins Boot zu nehmen. Ich glaube, die Diskussion, die mittlerweile geführt wird, geht in die falsche Richtung. Aufgrund des fehlenden Angebots, genug gute Mitarbeiter zu finden, muss sich jetzt jeder Arbeitgeber überlegen: Was kann ich meinem Mitarbeiter bieten? Kriegt er ein E-Bike? Darf er dreimal die Woche Homeoffice machen? Kriegt er noch mehr Urlaub, noch mehr Geld? Die Unternehmer müssen immer mehr Gimmicks zur Verfügung stellen, um überhaupt einen Mitarbeiter zu bekommen. Am Ende geht es doch aber darum, dass ein Mitarbeiter in einem Unternehmen arbeitet, mit dem er sich identifizieren kann, in dem er einen Job macht, der Spaß macht – und nicht nur darum, dass er „Schmerzensgeld“ verdient. Wir müssen am Mindset arbeiten und nicht einfach sagen: Hier, mein Haus, mein Boot, mein Auto, du kriegst noch was dazu. Auf der anderen Seite ist es aber auch ein gesellschaftspolitisches Problem. Stand heute habe ich das Gefühl, dass viele Menschen – nicht nur die Youngster, sondern auch viele ältere – für viel weniger Arbeit immer viel mehr haben wollen. Und das geht nicht auf, das ist noch nie aufgegangen.
Die PRINT DIGITAL CONVENTION ist selbst eine Marke, die ihr gerade stark verändert. Wie gewinnt man Speaker wie den DTM-Rennfahrer Gian Luca Tüccaroglu, die bereit sind, ihr Know-how zu teilen?
Das ist der Erfolg jahrelanger Netzwerkarbeit. Ich rufe nicht einfach eine Marke an und sage: Wollt ihr einen Vortrag halten? Wir haben tatsächlich ein Netzwerk in alle Bereiche, das wir dann aktivieren. Unsere Aufgabe ist es, dieses Mindset – etwa eines DTM-Rennfahrers – zu transferieren auf unsere Industrie. Das geht nur mit Netzwerk und viel Fleiß. Solche Menschen zu motivieren, hierherzukommen, braucht exorbitant viel Überzeugungsarbeit. Es geht nicht um Geld, nicht um Honorare, sondern um Überzeugungsarbeit, dass man eine coole Plattform zu bieten hat.

PDC-Gründer Rüdiger Maaß mit der Mitveranstalterin und drupa-Chefin Sabine Geldermann.
Print und mehr – effektvoll inszeniert
Welchen Stellenwert hat Print dabei – wo ist eine Visitenkarte wirklich nötig, wo zählt eher die Vernetzung?
Die Visitenkarte ist definitiv nicht obsolet. In Erstkontakten ist sie wichtig, aber dann muss es auch eine coole Visitenkarte sein. Den ersten Eindruck kannst du nur einmal haben. Das Netzwerken funktioniert nur dann, wenn die Leute inspiriert und offen sind, wenn sie die Mundwinkel nach oben schieben und nicht herummeckern. Dann entsteht automatisch die nötige Übertragungsenergie, auf deren Basis die Menschen bereit sind, sich zu öffnen, miteinander zu reden, Wissen zu teilen, Erfahrungen auszutauschen. Das ist wie eine Induktionsladung: Da wird kein Kabel eingesteckt, sondern in einer bestimmten Distanz findet was statt, und dann kommt man sich näher und tauscht sich aus.
Was wünschst du dir für die Zukunft? Die Latte hängt hoch.
Ich bin überzeugt, dass man jeden Erfolg toppen kann. Das ist nur eine Frage des Engagements. Es geht nicht darum, sich immer wieder neu zu erfinden. Die Hauptaufgabe muss jetzt sein, dass diese superpositive Botschaft wie ein Virus in die grafische Industrie überschwappt und dass viel mehr Menschen so positiv denken – aufhören, herumzumeckern und herumzuklagen. Wir müssen sagen: Wir haben mit Print und unserem grafischen Gewerbe eine Hightechindustrie, und dessen müssen wir uns bewusst werden. Wenn wir diese Veränderung im Mindset schaffen – nicht rückwärtsgewandt, sondern vorwärtsgewandt zu denken und zu agieren –, dann toppen wir gemeinsam jede Veranstaltung.
Eis, Waffeln, T-Shirt-Bedruckung. Gehört das dazu, um bei Netzwerk-Events ins Gespräch zu kommen?
Ja, hundert Prozent. Deshalb organisieren wir als Veranstalter sogenannte Highlightprojekte und geben unseren Partnern und Ausstellern die Möglichkeit der Inszenierung ihrer eigenen Technologie. Die Technologie als solche reißt den Werbekunden nicht vom Hocker, aber wenn man das Endergebnis, die Effekte sieht – das ist es, was den Markenartikler, den Werbungtreibenden interessiert. Und wenn die Techies über ein cooles Printprodukt die Möglichkeit haben, ihre Leistung zu erklären, entsteht sofort eine Anschlussaktivität und im optimalen Fall ein Produktionsauftrag.

Netzwerken ist ein Erfolgsfaktor
Du mobilisierst viele andere Verbände, unter anderem den Bundesverband Marketingclubs. Was hat sich dadurch verändert?
Es gehörte Mut dazu, diesen überhaupt anzusprechen. Aber das war keine Kaltakquise. Wir haben seit einigen Jahren persönliche Kontakte in den Vorstand des Bundesverbands Marketingclubs. Da ist ein Vorstandskollege, der sehr printaffin ist. Wir beide sind anschlussfähig und damit kamen wir quasi organisch zusammen.
Was ist die größte Gemeinsamkeit zwischen einem Verbandsgeschäftsführer und einem Bioladen-Inhaber – und der größte Unterschied?
Die größte Gemeinsamkeit: Herzblut. Der größte Unterschied: Das eine kann man essen, das andere kann man nur erleben.
Die Fragen stellte Sabine Goemann, MBA, IGEPA group.

Rüdiger Maaß (LinkedIn-Profilseite) ist Geschäftsführer des Fachverbands Medienproduktion und Mitinitiator der Initiative WE.LOVE.PRINT. Er ist Mitveranstalter der PRINT DIGITAL CONVENTION und treibt die Vernetzung von Print- und Digitalwirtschaft mit Markenartikelindustrie und Marketing voran.