„Wie können wir individuellen, hochwertigen Buchdruck so effizient gestalten, dass er marktfähig bleibt?“

Till Tolkemitt, Geschäftsführer Druckhaus Sportflieger in Berlin, über die Perspektiven des Buchdrucks in DACH

Der Buchdruck in Deutschland und seinen deutschsprachigen Nachbarstaaten muss sich gegen eine starke internationale Konkurrenz behaupten – schon seit Jahrzehnten. Die Mehrzahl der Druckaufträge ist über die Grenzen abgewandert.

Doch in den letzten Jahren ist es nicht mehr unbedingt „der letzte Schrei“, Eurocontainer und Frachtflugzeugbäuche in Fernost zu befüllen. Nicht nur die Zerbrechlichkeit der Lieferketten sorgt dafür, dass das Nearshoring fröhliche Urständ feiert – auch andere Standortvorteile sorgen dafür.

Der frühere Unternehmensberater, Buchhändler (Zweitausendeins) und jetzige Nebenerwerbs-Verleger (Haffmans Tolkemitt) zählt sie auf.

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Published:  20.8.2026 | Photo / Video: Porträt Till Tolkemitt: Laurah Gefeke. Fotos Drucksaal: Marius Jäger; privat.

Till Tolkemitt – vom Verleger zum Drucker: Ist das heute eine verbreitete Laufbahn?

Ja klar, follow the money (lacht)! Nein, im Ernst, es ist vor allem das Buch, das mein berufliches wie privates Leben begleitet. Neben Drucker und Verleger war ich nämlich auch schon Buchhändler, bzw. habe ich eine Buchhandelskette geleitet, Zweitausendeins. Nur schreiben müsste ich noch eins, also ein Buch, dann hätte ich fast die ganze „Wertschöpfungskette“ abgedeckt. Andererseits ist es vielleicht für die Menschheit und mich gut, wenn ich das nicht tun werde, auch wenn die Menschheit wahrscheinlich eh keine Notiz nähme …

Welche Erlebnisse sind es, die Ihr Leben als Drucker interessanter machen als ein Verlegerleben?

Auch wenn Sie jetzt vielleicht lachen werden: Ich finde die Druckindustrie deutlich innovativer als die Verlagswelt. BookTok, Young Adult, die KI schreibt Bücher? Hm … Meine Aufgabe hier ist sehr unternehmerisch, wir gründen neue Firmen, schauen uns neue Technologien und Vertriebswege an, haben diverse KI-Projekte laufen, sprechen über Automatisierung und Robotik.

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Luft nach oben im deutschen Buchdruck?

Als „Späteinwanderer“ in die Druckbranche sehen Sie manche Dinge vielleicht klarer als andere, die gar nichts anderes kennen als zu drucken. Wo ist noch Luft nach oben im deutschen Buchdruckgewerbe?

Ich habe ja nach dem Studium 1997 (jaja, dochdoch) erst einmal bei Apenberg & Partner angefangen, einer auf die Druck- und Medienindustrie spezialisierten Unternehmensberatung, die es auch noch gibt, und habe im Laufe meines Berufslebens sehr viele Druckereien kennengelernt, im In- und Ausland. Etwas kenn ich mich also schon aus. Und weiß deshalb schon seit Jahren: Viele Druckereien haben durchaus Potenzial in den Bereichen Organisation, Management, Vertrieb. Technologisch ganz vorne, aber wenn man die eine oder andere Druckerei betritt, fühlt man sich vom dort herrschenden Mindset doch zurück in die 1980er-Jahre versetzt. So ehrlich muss man schon sein. Ausnehmen würde ich davon den Bereich des Online-Drucks, da findet man schon eine Menge toller, auch sehr unterschiedlicher Unternehmen und Köpfe.

In der Diskussion sind einige Felder, die Buchdruckbetrieben helfen könnten, mehr Kunden zu gewinnen und profitabler zu arbeiten. Ich denke an Automatisierung, Prozessintegration mit Printbuyern, Print on Demand, Marketing u. a. Auf welchen Feldern suchen Sie selbst die besten Chancen?

Neben der altbekannten Entwicklung zu kleineren Auflagen gibt es in meinen Augen zwei entgegengesetzte Trends im Buchdruck: Standardisierung und Individualdruck. Die letzten 30 Jahre gehörten der Standardisierung. Angefangen mit Print on Demand auf sehr niedrigem Ausstattungsniveau, wie von Amazon oder Libri betrieben, bis hin zu standardisierter Verlagsproduktion, wie bei Bertelsmann/GGP und CPI. Der Kapazitätsabbau bei diesen beiden Unternehmen spricht für sich: Das ist kein tolles Geschäft mehr. In meinen Augen stellt sich die Frage: Wie können wir individuellen, hochwertigen Buchdruck, der viele kleine Nischen hat, so effizient gestalten, dass er marktfähig bleibt? Ich spreche hier von zwei Papiersorten in einem Buch mit offener Fadenheftung, solche Sachen. Ein Schlüssel wird hier sein, entsprechende Webshops und Produktionen aufzubauen, die anspruchsvolle Buchproduktionen online ermöglichen. Das ist dann aber gleich ein weltweiter Markt. Der Vorteil für uns in Deutschland: In vielen Ländern gibt es das Know-how für solche Produktionen nicht mehr, wohl aber bei uns. Hier sehe ich Marktchancen.

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Erfolgsfaktor Kooperation

An Kooperationen und Vergabe- oder Werbeplattformen unter Druckereien hat es in den letzten Jahren nicht gefehlt. Wieso ist die Printfamily, deren Mitglied Ihr Haus ist, der richtige Weg?

Für Druckereien braucht es heute einfach eine gewisse Größe, um am Markt erfolgreich sein zu können. Die klassische Druckerei mit 30 bis 50 Mitarbeitern hat hier keine Chance mehr. Sie brauchen heute eine IT-Abteilung, müssen ständig in Millionenhöhe investieren, und dann ist die Hauptaufgabe auch noch, junge Talente zu gewinnen und an sich zu binden, was wiederum nur mit guter Ausbildung und guten Arbeitsplätzen gelingt. Kurzum: Die zukünftigen Druckmärkte werden aus einigen größeren Spielern bestehen, die sich spezialisieren, aber einen internationalen Markt bedienen. Die Printfamily ist im Grunde eine Antwort auf diese Entwicklung. Obwohl, das muss ich hier betonen, sie ist gar nicht aus so einem Kalkül heraus entstanden. Die Gründer Alexander Mende und Stephan Butt haben einfach nur immer wieder und ganz opportunistisch Möglichkeiten wahrgenommen, die sich in einem schrumpfenden Markt ganz von selbst ergeben.

Die Produktion von Büchern ist in den letzten Jahrzehnten aus Deutschland weitgehend emigriert. Die industriellen Buchbindereien lassen sich an einer Hand abzählen. Ist das „Der Lauf der Welt“ oder das Ergebnis von Fehlentwicklungen?

Sagen wir es mal politisch: Dass wir mit EU-Fördergeldern direkt hinter den deutschen Grenzen große, neue, effiziente Druckereien hochgezogen haben, hat sicherlich so manchen deutschen Druckbetrieb aus dem Markt gedrängt. Gleichzeitig haben aber auch viele deutsche Verlage von den günstigen Preisen profitiert. Und die bestehenden Buchdruckereien wie wir konnten sich nicht ausruhen, sondern mussten effizienter und moderner werden, was ja auch nicht schlecht ist. Ich denke also: Lauf der Dinge, und am Ende gut so.

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Kommt die Buchproduktion zurück nach Deutschland?

Das Farshoring, also der Einkauf von Druck und Bindung in Fernost, hat inzwischen einen Dämpfer erlitten, das östliche Mitteleuropa und auch Südeuropa haben Marktanteile zurückgewonnen. Kommt schließlich der Buchdruck auf breiter Front zurück auch nach Deutschland?

Ja, das spüren wir so. Der Preis ist nicht das einzige Kriterium, nach dem entschieden wird. Sicher ein sehr dominantes, aber eben nicht das einzige. Andere Kriterien sprechen sehr wohl für eine Produktion in Deutschland, und preislich rücken wir auch immer näher zusammen. Zwar vielleicht nicht mit China, aber ganz bestimmt mit Osteuropa.

Wo sehen Sie in den letzten Jahren überraschende Gewinne an Marktanteilen für deutsche Drucker?

Ganz klar im Bereich der „geschlossenen“ Webshops, das sind Printportale wie unser „Printnavigator“, die die Druckprodukte von einzelnen Verlagen oder Unternehmen enthalten und zu denen nur diese Zugang haben. Einer Schätzung zufolge ist dieser Markt bereits jetzt so groß wie derjenige der offenen Webshops von Flyeralarm & Co., nur dass die geschlossenen Webshops stark wachsen.

Wie sieht für Ihr Haus „der perfekte Druckauftrag“ aus?

40 Manga-Nachauflagen jeweils unter 1.000 Exemplaren, mit gleichem Format und Papier, aber unterschiedlicher Ausstattung – Klappen, Drucklack, farbige Inhaltsseiten etc. – im Offset-Batch produziert und über den Printnavigator beauftragt.

„In fünf Jahren wird der Buchdruck in Deutschland …“ – wie würden Sie diesen Satz ergänzen?

… immer mehr über Online-Portale abgewickelt werden.

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Till Tolkemitt (LinkedIn-Profilseite) ist seit Anfang 2024 Geschäftsführer des Berliner Druckhauses Sportflieger. Parallel ist er als Verleger tätig, heute unter dem Label Haffmans Tolkemitt mit Schwerpunkt auf Reise- und Outdoor-Titeln. Von 2004 bis 2009 war Tolkemitt bei Zweitausendeins tätig, zuletzt als Geschäftsführer. Davor arbeitete der promovierte Volkswirt als Unternehmensberater für Druck- und Medienunternehmen, gründete Internet-Start-ups und war wissenschaftlicher Mitarbeiter in Hamburg sowie Research Associate an der University of California, Berkeley.