„Wir bauen eine Brücke zwischen dem Digitalen und dem Analogen“

Zeitschriftenmacher Jan Eric Hühn über haptisches Storytelling und sein erstaunliches Kunstmagazin „Hometown Journal“

Die einzigartige Distributionslandschaft des deutschen Pressegrosso belohnt das Risiko neuer Zeitschriftengründungen. Dennoch ist es keine Kleinigkeit für ein Presse-Start-up, einen neuen Titel gleich mit vier Ausgaben pro Jahr zu planen.

Andererseits bieten sich Kunst und Design besonders dafür an, in großzügigem, opulentem Layout inszeniert zu werden. Und der „gelernte“ Film-Mann Jan Eric Hühn zieht im Hometown Journal mit seinem Mitgründer Alex Schuchmann alle Register der multisensorischen Verführungskunst.

Bettina Schulz wollte hinter Hühns grafische Geheimnisse kommen – und kam ziemlich weit …

Published: 30.7.2026  |  Foto / Video: Hometown Journal

Was war der Initialfunke für das Hometown Journal?

Das Hometown Journal ist ein klassisches Corona-Baby. Alex Schuchmann und ich drehen ja eigentlich Werbe- und Dokumentarfilme, und als wir damals nicht ans Set konnten, überlegten wir, wie wir denn sonst unsere Geschichten erzählen können. Ich war schon immer Papierliebhaber, so kam der Gedanke auf, ein Magazin zu gründen. Daraufhin haben wir all den Menschen geschrieben, die wir spannend und interessant fanden. Wir haben uns in das Projekt also hineingestürzt, ohne genau zu wissen, wie das funktioniert und was da eigentlich dazugehört. Geplant waren vier Ausgaben im Jahr.

Was ziemlich ambitioniert war, oder?

Allerdings. Wir dachten tatsächlich, wir führen ein paar Interviews, werfen die Bilder dazu und dann ist solch ein Magazin schnell fertig. Dem war natürlich nicht so. Ein Jahr nach dem ersten Magazin kam das zweite heraus; wir sind aber von Ausgabe zu Ausgabe umfangreicher geworden und haben unseren eigenen Anspruch immer weiter hochgeschraubt.

Ihr seid sehr ambitioniert und man spürt, wie viel Herzblut im Hometown Journal steckt, das zudem anzeigenfrei ist. Dennoch die Frage: Wie finanziert sich das?

Wir arbeiten nicht kostendeckend – zumindest jetzt noch nicht. Und das Projekt war auch nie darauf ausgelegt, dass wir damit Geld verdienen und dafür unsere Seele gegen Anzeigen verkaufen. Inzwischen sind wir aber an einem Punkt angelangt, an dem wir wirklich wissen, was wir tun wollen und wie sich das ganze Universum rund um das Hometown Journal vergrößern kann. Wir realisieren inzwischen Online-Studio-Visits bei verschiedenen Künstlerinnen und Künstlern, vertreiben deren Kunstwerke über unsere Plattform und haben mit der „Portraiture“-Serie nun eine Zeitung konzipiert, um schnell auf Geschichten reagieren zu können.

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„Papier vergisst nicht“

Was ist für Bewegtbildmacher so spannend an Print?

Unsere Motivation liegt darin, dass Menschen sich wieder mehr mit den künstlerischen Arbeiten und dem Prozess auseinandersetzen – mehr „wie“ statt „was“. Alles ist inzwischen ins Digitale abgewandert, nur noch auf irgendwelchen Screens zu sehen, und damit geht auch die Wertschätzung ein Stück weit verloren.

Ich glaube, das Journal wird immer ein Liebhaberprojekt bleiben, aber es ist zugleich auch ein Türöffner: Wenn wir Künstlerinnen und Künstler das Buch in die Hand geben, spüren sie sofort, dass wir nicht nur quatschen, sondern ernsthaft etwas bewegen. Es ist auch ein Hebel für uns, kleine Veranstaltungen zu organisieren – ein Anker in der realen Welt und eine Art Rechtfertigung für alles andere, was wir in diesem Bereich machen können. Langfristig gesehen soll aus dem Leidenschaftsprojekt, basierend auf dem Buch und seinen Säulen, der Kern unserer Tätigkeit werden.

Nimmst Du die steigende Wertschätzung von Print wahr?

Der Zuspruch und das Feedback, das wir bekommen, ist jedenfalls ein großer Motivator, weiterzumachen. Das Hometown Journal ist nicht irgendetwas, das nach einer Woche wieder verschwindet – Papier vergisst nicht. Ich habe das Gefühl, dass es viele Menschen gibt, die ein physisches Produkt spannend finden, und das versuchen wir auch auf mehreren Ebenen erlebbar zu machen. So legen die DJs auf unseren Veranstaltungen eigentlich immer auf Platte oder Kassette auf.

Kunstwerke im besten Licht

Euer vierter Band ist mehr Buch als Magazin: 340 Seiten, Papierwechsel, ein beigelegtes Plakat sowie ein Artprint …

Es ist eigentlich ein Überblick über die letzten zwei Jahre, in denen wir mit über 20 Künstlerinnen und Künstlern gesprochen haben. Wir wollten deren Arbeit ein Zuhause geben und ihre Kunstwerke im besten Licht präsentieren.

Hometown wurde mit neun verschiedenen IGEPA-Papieren realisiert. Wie habt Ihr diese ausgewählt?

Zum einen war es für uns wichtig, Kontraste zu schaffen. Mit einem offenporigen Papier und einer Hochglanzsorte stehen sich zwei Welten gegenüber und verdeutlichen zugleich den Wechsel zwischen zwei verschiedenen Arbeiten oder Geschichten. Zum anderen hat das Hometown Journal kein klassisches Inhaltsverzeichnis, und so sorgt das eingebundene Transparenzpapier für Orientierung. Eine Geschichte wurde zudem cellophaniert, um eine gummierte Haptik zu erzeugen – in dieser Geschichte ging es um das Datingleben eines queeren Autors. Wir spielten auch mit den Grammaturen und den Druckverfahren. Die Papierwahl des Covers war hingegen der Farbe geschuldet: Unsere Art Direktorin, Nadine Wetzel, wollte unbedingt genau diesen Braun-Ton haben, den wir dann in der Pergraphica-Range auch gefunden haben. Um es kurz zu machen: Die Papierentscheidung ist keinesfalls Geschmackssache, sondern wird aus dem Inhalt heraus getroffen.

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Jan Eric Hühn ist ein deutscher Regisseur und Filmemacher. Er bildet zusammen mit Alex Schuchmann das Duo HOMETOWN. Bekannt ist er für seine Dokumentarfilme und Werbespots. Er führte Regie für Imagefilme bekannter Marken, darunter Mercedes-Benz, Bosch und Telekom. Hühn lebt und arbeitet abwechselnd in Berlin und Lissabon. Er studierte an der Rheinischen Fachhochschule Köln. Seine filmischen Arbeiten wurden mehrfach ausgezeichnet. 2021 gründete Hühn gemeinsam mit Alex Schuchmann ein eigenes Printmagazin. Die unkonventionelle Zeitschrift porträtiert Künstler und Kreative. Sie zeichnet sich durch hochwertiges Papier aus.